Der Anfang vom Ende – Das irische Referendum und wir

Grooms

Foto: erin m CC BY-NC 2.0

Samstag. Ich klicke mich durchs Internet, gespannt darauf, wie das Ehe-Referendum in Irland ausgegangen ist. Als erstes Land der Welt ließ Irland die Bevölkerung entscheiden, ob die Ehe offen für alle Paare, unabhängig von Geschlechtskonstellation, sein soll.
Eine Rekordwahlbeteiligung und ein „Ja“ in jedem einzelnen Wahlbezirk bis auf einen haben sehr deutlich gezeigt, dass selbst in konservativen Teilen der Bevölkerung die meisten das Thema leid sind.

Luxemburg öffnete die Ehe zu Jahresbeginn und vor kurzem heiratete Premierminister Xavier Bettel seinen Partner. Großbritannien, Frankreich, Spanien, Portugal – überraschenderweise sind es gerade Länder, die oft eher konservativ geprägt sind, die an Deutschland vorbeistürmen. Weltweit wird Irland etwa das zwanzigste Land sein (je nachdem wie man zählt), in dem gleichgeschlechtliche Paare uneingeschränkt die gleichen Rechte genießen werden, wenn es um die Ehe geht.

Status of same-sex marriage and other types of same-sex partnerships in Europe.

Same sex marriage map Europe detailed

By Silje L. Bakke [GFDL, CC-BY-SA-3.0 or CC BY-SA 2.5], via Wikimedia Commons

Bei uns sind selbst unter Unionswählern zwei Drittel für eine Eheöffnung. Rein rechnerisch wäre im Bundestag auch eine Mehrheit vorhanden, um das alles in Angriff zu nehmen. Die einzige Voraussetzung wäre, dass eine Abstimmung ohne Fraktionszwang stattfindet, also jeder Abgeordnete nach eigenem Ermessen abstimmen dürfte.
Genau so hat David Cameron vor zwei Jahren in Großbritannien die Abstimmung im Unterhaus ablaufen lassen – und die Regierung dort war und ist kaum weniger konservativ als bei uns.
Aber natürlich ist das alles nicht so einfach. Merkels Regierung kümmern auch eher weniger irgendwelche Moralvorstellungen – wann hätten die schon zuletzt eine relevante Rolle in der CDU/CSU gespielt? – sondern es ist das übliche, ermüdende Taktieren und Aussitzen, wie bei allen Themen. Da will man ewig-gestrige, ultrakonservative Wählerschichten nicht verschrecken und hofft wohl insgeheim, dass alle schnell wieder abgelenkt werden.

Auch um mich herum fanden jede Menge Diskussionen zum Thema statt. Ganz selbstverständlich wurde angenommen, dass ich praktisch automatisch ein glühender Verfechter der Ehe bin und nichts sehnlicher erwarte, als endlich richtig heiraten zu dürfen.
Dabei hat mich die Ehe/Eingetragene Lebenspartnerschaft nie wirklich für mich selbst interessiert. Während ich aufgewachsen bin, gab es einfach keine Ehe für Homosexuelle, nicht einmal die Stützräderversion der Partnerschaft. Das hat alles nie eine Rolle in meinen Zukunftsvorstellungen gespielt. Als das Partnerschaftsgesetz verabschiedet wurde, war ich bereits an der Uni und das gehörte schlicht nicht zu meinen Plänen für die Zukunft. Gefreut habe ich mich trotzdem, aber mehr für die anderen, die das wirklich wollten.
Dieser Traum vom Häuschen mit Zaun und ewiger Harmonie in der Vorstadt, am besten noch mit Kindern und Hund, ist sogar eher etwas, das mich gruseln lässt. Aber ich kannte und kenne eben auch eine ganze Reihe Homo- und Bisexueller, die damals gerade die scheinbare Unmöglichkeit dieser Wunschvorstellung extrem belastet hat. Es ist nichts, was für mich wirklich attraktiv wäre, aber ich erinnere mich noch ziemlich gut daran, wie sehr es einige damals kaputtgemacht hat, dass ihnen dieses Leben scheinbar wohl nie möglich sein würde.
In Irland werden zukünftig Teenager in dem Wissen aufwachsen, dass es egal ist, wen sie lieben. Dass ihnen jede Zukunft offensteht, die sie sich wünschen, ob mit offiziellem Ehe-Status oder als freie Beziehung.

Wobei wir ja beim eigentlichen Punkt wären: Auch wenn ich selber nicht wirklich profitieren werde und will, freue ich mich für die, die tatsächlich davon träumen. Weil ich kein egozentrischer Psychopath bin. Es nennt sich auch Empathie – leider anscheinend ein unbekanntes Phänomen in überraschend großen Teilen der Bevölkerung.
Denn neben freudigen und positiven Reaktionen auf die Nachrichten aus Irland kamen eben auch mal wieder die üblichen, dumpfen Antworten:
Gibt es denn keine wichtigeren Themen? Haben wir nichts Relevanteres zu diskutieren? Müssen sich die Homos immer so aufspielen? Müssen die das so vor sich hertragen, uns ständig damit belästigen?
Das ist so ziemlich die gewohnte Reaktion. Die gleichen Leute, die sich tagelang über eine abgelaufene Packung Milch im Laden ereifern können, sind genervt, wenn nicht nur über Themen gesprochen wird, die unmittelbaren Einfluss auf ihre eigene Existenz haben.
Alleine schon wieder das übliche Argument: „Muss das denn jeder wissen, das ihr Homos seid?“
Eine meiner absoluten Lieblingsäußerungen. Denn ich lebe eher zurückgezogen und unauffällig. Ich wüsste gerne mal, wie unsichtbar ich denn bitte noch sein soll? Soll ich besser nicht mit einem Partner zusammenwohnen, weil dann die Nachbarn ja mitbekommen, dass da zwei Typen zusammenleben?
Sollte ich auf eine Umarmung am Bahnhof verzichten? Lieber nicht gemeinsam einkaufen gehen? Besser so tun, als wären wir nur Kumpel? An welcher Stelle „trage ich das offen vor mir her“? Wo ist die magische Grenze, an der mein Verhalten andere anscheinend belästigt? Vielleicht sollte ich mir ja dann eine Alibi-Freundin zulegen, am besten eine homosexuelle Frau, dann könnten wir uns heimlich durch die Nacht schleichen zu unseren eigentlichen Partnern, damit diese zartbeseiteten Mitmenschen nicht zu Tode belästigt werden von unserer Existenz.

Ich will nicht mal die ganzen anderen müden, ausgelutschten Argumente gegen die Eheöffnung vorführen. Kindeswohl, unnatürlich, christliche Werte – es sind dieselben endlosen Debatten, bei denen man seit Jahren wieder und wieder die gleichen Argumente anführen muss, ohne dass es irgendetwas bringt.
Mir ist die Öffnung der Ehe wichtig, obwohl ich nicht vorhabe, sie zu nutzen. Weil es andere gibt, denen es wichtig ist. Und ich kein dämlicher, egoistischer Wutbürger bin, der lieber auf nutzlosen Demos mitmarschiert, um Flüchtlingen, Frauen, religiösen Gruppen und LGBTQ auf den Wecker zu gehen, als sich mal für eine Sekunde in die Haut der bitterbösen Minderheiten zu versetzen, die es einfach so wagen, weiter zu existieren.
Was, wenn diese unangenehmen, dauerfrustrierten Zeitgenossen selber Kinder oder Enkel bekommen, die LGBTQIA sind? Wird es dann plötzlich okay sein, ein Mindestmaß an höflicher Gleichberechtigung zu gewähren, weil sie plötzlich selbst betroffen sind?
Glücklicherweise ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die konservativen Bremser den Fortschritt nicht mehr aufhalten können. Zur Not werden die altbackenen Elemente eben kreischend und jammernd mit ins neue Jahrtausend geschleift. Der gesellschaftliche Fortschritt lässt sich allenfalls verlangsamen, aber wir haben den Anfang vom Ende bereits erreicht. Wie Domino-Steine werden jetzt die westlichen Nationen umfallen. In Australien, der Schweiz, Österreich, Italien – überall wird diskutiert und verhandelt, steht die Ehe für alle, die sie tatsächlich wollen, am Horizont.

Mein Herz blutet schon jetzt, ob der gewaltigen Frustration und Schmerzen der armen Wutbürger, wenn etwas geändert wird, das ihnen keinerlei Nachteile bringt. Und wieso? Weil ich die Fähigkeit zur Empathie besitze. Vielleicht sollten wir die mal in die Bildungspläne integrieren?

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5 Kommentare

  1. Pingback:"Der Anfang vom Ende" ... - Kaye Alden

  2. Zu Deinem sehr treffenden Kommentar möchte ich nur eine kleine, aber nicht unbedeutende Anmerkung machen: Ich finde, es ist ein qualitativer Unterschied, ob ich ein Recht habe, aber auf dessen Ausübung verzichte, oder ob ich dieses Recht von Anfang an nicht habe. Im ersten Fall bin ich frei, im zweiten bin ich unfrei. Insofern gewinnt selbst ein_e Homo- und Bisexuelle_r, die/der nicht heiraten möchte, durch die „Ehe für alle“.

    • Da stimme ich dir komplett zu. Aber was mich zuerst dazu gebracht hat, den Kommentar zu schreiben, waren Stimmen aus meiner Umgebung die anfingen, über den Sinn der Ehe an sich zu diskutieren und meinten, sie seien vom Prinzip her gegen jede Ehe für alle.
      Das ist ja ihr gutes Recht, aber ich fand es eben schade, dass sie nicht die Empathie mitgebracht haben, sich für die zu freuen, die sich das wünschen 🙂

  3. Die knallharte Wahrheit in wunderbar unterhaltsame Worte gepackt, ohne, dass der Ernst verloren geht.

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